Bundesverfassungsgericht - Pressestelle -
Pressemitteilung Nr. 39/2012 vom 13. Juni 2012
Beschluss vom 23. Mai 2012
2 BvR 610/12
2 BvR 625/12
Verfassungsbeschwerden betreffend den Doppelvorsitz des 2. und 4.
Strafsenats des Bundesgerichtshofs erfolglos
Seit dem ruhestandsbedingten Ausscheiden der früheren Vorsitzenden des
2. Strafsenats des Bundesgerichtshofs zum 31. Januar 2011 ist die Stelle
aufgrund des bisher nicht abgeschlossenen Verfahrens über die
Wiederbesetzung vakant. Im Rahmen der Geschäftsverteilung für das Jahr
2012 wies das Präsidium des Bundesgerichtshofs dem Vorsitzenden des 4.
Strafsenats zusätzlich den Vorsitz des 2. Strafsenats zu. Unter dessen
Vorsitz verwarf der 2. Strafsenat im Februar 2012 die Revisionen der
Beschwerdeführer, mit denen sie jeweils ihre Verurteilung zu
mehrjährigen Freiheitsstrafen angegriffen hatten.
Mit ihren gegen die Entscheidungen des 2. Strafsenats des
Bundesgerichtshofs gerichteten Verfassungsbeschwerden rügen die
Beschwerdeführer insbesondere eine Verletzung ihres Anspruchs auf den
gesetzlichen Richter aus Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG. Die richterliche
Unabhängigkeit des Vorsitzenden Richters sei nicht gewährleistet, weil
er infolge der Zuweisung des Doppelvorsitzes überlastet und daher nicht
mehr in der Lage sei, die ihm überantwortete Aufgabe verantwortungsvoll
wahrzunehmen und den richtungsweisenden Einfluss auf die Rechtsprechung
des ihm anvertrauten Spruchkörpers auszuüben. Überdies sei die
richterliche Unabhängigkeit infolge einer Anhörung von drei Mitgliedern
des 2. Strafsenats durch das Präsidium am 18. Januar 2012 nicht mehr
gewährleistet.
Die 1. Kammer des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts hat die
Verfassungsbeschwerden nicht zur Entscheidung angenommen. Die
Beschwerdeführer sind nicht in ihrem Anspruch auf den gesetzlichen
Richter aus Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG verletzt.
Der Entscheidung liegen im Wesentlichen folgende Erwägungen zugrunde:
Der Grundsatz des gesetzlichen Richters aus Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG
hat einen materiellen Gewährleistungsgehalt, der dem rechtssuchenden
Bürger im Einzelfall garantiert, vor einem unabhängigen und
unparteilichen Richter zu stehen, der die Gewähr für Neutralität und
Distanz gegenüber den Verfahrensbeteiligten bietet.
1. Die Überbeanspruchung eines Richters - unabhängig davon, ob eine
solche tatsächlich vorliegt - führt grundsätzlich nicht zu einem Verstoß
gegen den Anspruch auf den gesetzlichen Richter, weil eine dienstliche
Überlastung den Richter nicht dazu zwingt, ein überobligatorisches
Arbeitspensum zu erfüllen. Von der Gewähr eines unabhängigen Richters
aus Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG ist die dem Richter selbst garantierte
richterliche Unabhängigkeit aus Art. 97 GG zu unterscheiden, die ihm ein
Abwehrrecht gegen eine überfordernde Einflussnahme bei der Zuweisung des
Arbeitspensums einräumt. Er ist nicht verpflichtet, sämtliche ihm nach
dem Geschäftsverteilungsplan übertragenen Aufgaben in vollem Umfang
sofort und ohne Beschränkung seines zeitlichen Einsatzes zu erledigen,
sondern kann nach pflichtgemäßer Auswahl unter sachlichen
Gesichtspunkten die Erledigung der ein durchschnittliches Arbeitspensum
übersteigenden Angelegenheiten zurückstellen. Ob sich ein
überdurchschnittlich leistungsfähiger oder leistungsbereiter Richter
darauf beruft oder sein erhöhtes Leistungsvermögen zur Bewältigung
etwaiger überobligatorischer Aufgaben einsetzt, ist diesem überlassen.
Auch wenn Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG dem Rechtssuchenden die Gewähr eines
unabhängigen Richters bietet, macht ihn das nicht zum In-teressenwalter
des Richters. Er kann nicht eine aus dessen Arbeitsbelastung abgeleitete
Beeinträchtigung der richterlichen Unabhängigkeit geltend machen.
Hiervon zu trennen ist eine mögliche Verletzung des Anspruchs auf
Rechtsschutz in angemessener Zeit, die sich aus belastungsbedingten
Erledigungsverzögerungen ergeben kann, hier jedoch weder vorgetragen
noch ersichtlich ist und überdies zunächst mit den dafür in der
Rechtsordnung vorgesehenen Mitteln geltend zu machen wäre.
Des Weiteren kann auch dem Einwand der Beschwerdeführer, dass der
richtunggebende Einfluss des Vorsitzenden Richters des 2. Strafsenats
infolge des ihm zugewiesenen Doppelvorsitzes nicht mehr gewährleistet
sei, nicht gefolgt werden. Ein Vorsitzender soll aufgrund seiner
Sachkunde, Erfahrung und Menschenkenntnis in der Lage sein, den
richtunggebenden Einfluss durch geistige Überzeugungskraft auszuüben.
Seine Fähigkeit, auf die Rechtsprechung des ihm anvertrauten
Spruchkörpers Einfluss zu nehmen, kann daher nicht von einer
überlegenen inhaltlichen Kenntnis des zu entscheidenden Falles
abhängen. Vielmehr erfordert jede Beratung und Entscheidung eines
Spruchkörpers, dass alle Mitglieder - und nicht etwa nur der
Berichterstatter und der Vorsitzende - vollständig über den Streitstoff
informiert sind.
2. Die Anhörung von drei Mitgliedern des 2. Strafsenats durch das
Präsidium im Vorfeld der angegriffenen Entscheidungen verletzt ebenfalls
nicht den Anspruch der Beschwerdeführer auf den gesetzlichen Richter,
weil in der vorliegenden Konstellation eine
unabhängigkeitsbeeinträchtigende Einflussnahme auf die angehörten
Richter oder den 2. Strafsenat insgesamt auszuschließen ist.
Insbesondere sind von Seiten des Präsidiums in Bezug auf das künftige
Entscheidungsverhalten keine direkten oder indirekten Sanktionen
ausgesprochen oder angedeutet worden, die zu einem Verlust der
Unabhängigkeit hätten führen können.
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